Filmpremiere

“Der Fall Chodorkowski”

Gestern kam der 2011 bei der Berlinale gefeierte Dokumentarfilm über Russlands ehemals reichsten Mann und nun Gefangenen in die deutschen Kinos. Zwei Mal wurde die Endfassung des Films vor der Veröffentlichung aus den Büros geklaut. Zufall? Was ist nun die wahre Geschichte von Chodorkowski?

 

Chodorkowski - ein charismatischer Mann (Facebook)

Chodorkowski - ein charismatischer Mann (Facebook)

Sein Aufstieg begann 1989 in Moskau. Gleich nach dem Zerfall der Sowjetunion gründet er die erste Privatbank in Russland, MENATEP BANK. Die Russen kamen zusammen und tauschten teilweise ihr gesamtes Vermögen gegen die neuen Papiere aus. Aktie, das Wort war bis dato in Russland gänzlich unbekannt gewesen. Die Bank lockte mit hohen Zinsen und da das Volk damals in Finanzangelegenheiten völlig unerfahren war, vertrauten sie den Jungkapitalisten mehr als den staatlichen Banken.

Chodorkowski hatte damals schon Kontakte in den Kreml. Als dann auch die Ministerien anfingen, ihre Konten über die MENATEP BANK abzuwickeln, machte diese Riesengeschäfte.

Damals gab es viele solcher Banken in Russland. Chodorkowski war zu dem Zeitpunkt erst 27 und schon der größte, skrupelloseste kapitalistische Hai des Landes. Während die Privatbanken immer reicher wurden, brach die staatliche Wirtschaft 1995  völlig zusammen. Unzählige heruntergekommene Industrieanlagen und unrentable Betriebe waren das Ergebnis. Der Staat brauchte dringend Geld, also fing er an, nach und nach seine Industrie zu verkaufen. Auch die Erdölbetriebe wurden dabei privatisiert.

Mit dem Verkauf des Staatskonzerns JUKOS wurde Chodorkowski beauftragt. Er entschied sich den mit über 3 Milliarden US-Dollar verschuldeten Konzern selber zu kaufen. Die Gesetzeslage war damals noch sehr konfus, doch er kannte alle Schlupflöcher. Zu einem Spottpreis von 350 Millionen Dollar übernahm seine Bank den Betrieb. Nun war er stolzer Besitzer einer völlig maroden Firma mit einer unrentablen Produktion samt 10.000 Mitarbeitern, die schon seit sechs Monaten keinen Lohn zu Gesicht bekommen hatten. Aus diesem Geschäft machte Chodorkowski in wenigen Jahren Russlands modernsten Betrieb – und im Endeffekt den größten privaten Steuerzahler des Landes.

Nun gehörte er zu der Handvoll von Geschäftsleuten, die während der Kriese Milliardengeschäfte gemacht haben – Russlands Oligarchen. Diese waren auch regelmäßig im Kreml zu Besuch. Da der Staat pleite war und der damalige Präsident Boris Jelzin Geld brauchte, wurde ihr Einfluss auf die Politik Russlands immer größer, bald schon gehörte ihnen das halbe Land.

Auch Chodorkowski wollte politisch mitreden. Er gründete die Stiftung OFFENES RUSSLAND. Diese fungierte als nichtstaatliche Organisation, die sich  Werten wie Freiheit und Demokratie verschrieb. Die Stiftung investierte 20 Millionen US-Dollar pro Jahr in Bildung, Wissenschaft, Gesundheit und Kultur. Chodorkowski gab außerdem noch Geld an die Opposition und hatte seine eigenen Leute im Parlament platziert. Er kaufte sozusagen die Politik.

2000 wird Wladimir Putin Russlands neuer Präsident. Ihm gefällt nicht, dass die Oligarchen so viel Macht haben. Er setzt also gleich nach seiner Amtseinführung neue Regeln auf. Putin schließt einen Pakt mit den Oligarchen: Ihre Raubzüge bei der Privatisierung werden nicht in Frage gestellt, wenn sie sich politisch zurückhalten.

Bis Februar 2003 hielten sich auch alle daran. Beim „runden Tisch“, dem live übertragenen, regelmäßigen russischen Milliardärstreffen im Kreml, wollten die Oligarchen ein Thema ansprechen, das ihr Geschäft stark beeinträchtigte: Korruption in den Staatsorganen. Chodorkowski wurde als Redner auserwählt. Während der Rede gab er zu, dass die Korruption mit den Oligarchen selbst angefangen habe, diese sollte jedoch irgendwann ein Ende haben. Er meinte, es sei Zeit einen Schlussstrich zu ziehen. Er nannte auch ein Beispiel, einen sehr heiklen Fall von Korruption bezüglich ROSNEFT, einem zu 100% staatlichen Unternehmen. Das Beispiel war sehr mutig, da alle wussten, dass bei ROSNEVT nichts ohne Zustimmung aus dem Kreml geschah. ROSNEFT hatte gerade eine kleine Ölfirma zu einem viel zu hohen Preis gekauft – auch das war allgemein bekannt und offensichtlich nicht sauber. Das alles sagte Chodorkowski Putin direkt ins Gesicht. Noch spektakulärer als Chodorkowskis Ansage war Putins Reaktion darauf. Er ging direkt zum Gegenangriff über. Mit einem Schmunzeln im Gesicht sagte er,  dass JUKOS doch so Riesengeschäfte abwickelte, und die Frage jetzt eigentlich heißen sollte, wie viele und ob überhaupt Steuern von diese Geschäft gezahlt wurden? Das schlug ein wie eine Bombe. Die Zeit schien stillzustehen. Die Oligarchen waren sichtlich sprachlos, eingeschüchtert, niemand traute sich hochzugucken, geschweige denn ein Wort rauszubringen. Putin hatte seinen Standpunkt sehr klar gemacht. Er wusste genau – es reicht wenn man sich den Anführer der Bande vorknüpft, den Größten, Klügsten und Mutigsten. Wenn dieser aus dem Weg geräumt ist, werde die restliche “Bande” schweigen.

Damit hatte der Kampf gegen JUKOS begonnen. Mehrere Untersuchungen wurden eingeleitet. Zuerst wurde der Großaktionär Platon Lebedew in Untersuchungshaft gesteckt. Sie holten ihn aus dem Krankenhaus – Betrugsverdacht hieß es. Andere Teilhaber von JUKOS verließen um ihre Freiheit fürchtend das Land. Chodorkowski jedoch blieb. Er rief stattdessen die Presse für eine Ansprache zusammen: „Wenn die Regierung es sich zur Aufgabe gemacht hat, mich entweder aus dem Land zu drängen oder zu verhaften, dann müssen sie mich wohl verhaften. Ich habe nicht vor als politischer Emigrant zu leben”, verkündete er in die Kamera.

Schon drei Wochen später, am 25. Oktober 2003, wird Chodorkowski verhaftet. Der russische Staat wirft ihm Unterschlagung und Steuerhinterziehung im Wert von über einer Milliarde Dollar vor.  Bei Prozessbeginn ist der Saal überfüllt. Alle warten angespannt auf die ersten Worte von Chodorkowski: „Ich möchte über Hoffnung sprechen. Denn Hoffnung ist das Wichtigste im Leben. Es geht in diesem Verfahren nicht um mich oder Platon (Lebedew), es geht um die Hoffnung all der Menschen die darauf warten, dass vielleicht schon morgen ein Gericht in diesem Land ihre Rechte schützen wird. Auch gegen Politiker oder Beamte die das Recht so schamlos brechen.“ Eine halbe Stunde spricht Chodorkowski. Ein Reporter überträgt die Rede per Handy live an einen Nachrichtensender und ganz Russland hört gespannt mit.

2004 wird das wichtigste Ölförderungsunternehmen YUGANSKNEFTEGAZ, eine Tochterfirma von JUKOS, wegen Steuerschulden zwangsversteigert und von niemand anderem als ROSNEFT erworben. Damit wird ROSNEFT zum zweitgrößsten Ölunternehmen Russlands nach LUKOIL.

Nach zwei Jahren Prozess werden 2005 Chodorkowski und Lebedew wegen schweren Betruges und Steuerhinterziehung zu acht Jahren Haft verurteilt. Chodorkowskis Stiftung OFFENES RUSSLAND wird unter Nachdruck des Kremls aufgelöst.

In der Zeit laufen schon die Vorbereitungen für den nächsten Prozess. Der Vorwurf 350 Millionen Tonnen ihres eigenen Öls gestohlen zu haben klingt vielleicht grotesk. Dem Staat ist im Kampf gegen Chodorkowski aber jedes Mittel recht. Chodorkowskis Stellvertreter Wassilij Aleksanjan wird 2 ½ Jahre nach seinem Chef ebenfalls verhaftet. Wassilij war zu diesem Zeitpunkt nach einer Operation mit HIV infiziert. Schon nach kurzer Zeit in der Zelle war er nicht wiederzuerkennen, wegen des starten Immunschwäche erkrankte er an Tuberkulose und später auch an Lymphdrüsenkrebs. Zwei Jahre lang wurde ihm die Behandlung außerhalb des Gefängnisses verweigert. Wassilij erhob sogar öffentlich vor der ganzen Presse eine Anschuldigung: Man würde ihn erpressen. Bei einem Videointerview sagte er: „Der Ermittler persönlich hat mich angesprochen. Wir wissen, sagt er, dass Sie dringend eine Behandlung benötigen, vielleicht sogar im Ausland. Wir benötigen Ihre Aussage. Weil wir die Anschuldigungen gegen Chodorkowski und Lebedew nicht belegen können. Wenn Sie in unserem Sinne aussagen, dann lassen wir Sie frei.“ Diesem öffentlichen Vorwurf wurde nie wirklich gerichtlich nachgegangen. Wassilij Aleksanjan war zu krank um seinem eigenen Prozess beizuwohnen und wurde schließlich fast erblindet und unheilbar krank gegen eine hohe Kaution freigelassen. Die Anklage wurde wegen Verjährung fallengelassen, Wassilij Aleksanjan wurde nie freigesprochen. Bei seiner Entlassung sagte er nur: „Ich habe die besten Unis der Welt absolviert, hier und in den USA. Habe eine Familie gegründet, ein Kind großgezogen. Dann hat jemand beschlossen mich zu vernichten, das ist so einfach in diesem Land.“

2009 begann dann schließlich der zweite Prozess gegen Chodorkowski und Lebedew. Die Anklageschriften bestanden aus 14 dicken Bändern. Die Vorwürfe waren fragwürdig, denn es ist physisch unmöglich 350 Millionen Tonnen Öl zu stehlen. Mit dieser Menge könnte man einen Güterzug füllen, der dreimal solang wäre wie der gesamte Weltumfang. Bei der Lesung der Anklagebänder gab es immer wieder Lacher im Saal. Chodorkowski hatte die besten Anwälte des Landes. Der Richter selbst wirkte nicht glücklich darüber, den Prozess führen zu müssen. Wichtige Zeugen der Verteidigung wurden gar nicht erst zum Prozess zugelassen, manche kamen deshalb absichtlich unangemeldet um nicht abgelehnt zu werden. Spontanaussagen müssen gehört werden, so das Gesetz.

Das Volk weiß, dass es sich um einen politischen Prozess handelt. Die einzige Frage die noch im Raum steht: Was wird im am Ende wichtiger für den Richter sein? Die Gerechtigkeit oder seine Karriere. Doch der Fall JUKOS ist Chefsache. Noch vor der Urteilsverkündung spricht Putin live bei einer Talkshow eindeutige Worte: „Ein Dieb gehört ins Gefängnis, (…) seine Verbrechen sind vor Gericht bewiesen“. Da fragt man sich: Was für eine Entscheidungsgewalt hatte den der Richter noch?

In Chodorkowskis letzten Worten vor der Urteilsverkündung versucht er ein letztes Mal das Gewissen der Richters anzusprechen: „Euer Ehren, ich bin gewillt zu verstehen, dass sie es alles andere als leicht haben. Vielleicht haben Sie sogar Angst. Ich wünsche Ihnen Mut. Ihr Urteil wird, wie immer es ausfallen mag, in die russische Geschichte eingehen und noch viel mehr. Es wird die Zukunft unseres Landes formen.“ Am 27 Dezember 2010 verkündet der Richter sein Urteil: schuldig! Somit müssen der ehemalige Ölbaron und sein Hauptaktionär voraussichtlich bis 2016 ihre Strafe absitzen.

Aus den Augen aus dem Sinn

Sie brachten ihn so weit weg von Moskau wie es nur ging. Dorthin, wohin bereits schon die Zaren ihre Feinde verbannten. Nach Tschita, Sibirien. Fast schon an die chinesische Grenze. Chodorkowski selbst wusste, bis er den Namen des Bahnhofes durch den Wagonlautsprecher hörte, selbst gar nicht wo es hingeht. Zusammen mit Verbrechen, Dieben und Mörder sitzt er dort nun schon seit seiner Verhaftung. Man sagt, er verschaffte sich im Gefängnis immer Respekt. Nicht durch Gewalt, sondern mit seiner charismatischen, ruhigen und intelligenten Art. Chodorkowski blieb seinen Gewohnheiten immer treu, er siezte alle und wurde niemals laut.  Er ließ sich Bücher bringen, Kästen über Kästen von Büchern. Achthundert bis neunhundert Seiten verschlinge er am Tag, scheibe Aufsätze, Briefe. Früher hat man ihn als „Wunderkind der russischen Wirtschaft titulier“, ein Wunderkind ist er wohl immer noch geblieben.

Manche dieser Aufzeichnungen finden ab und zu ihren Weg in die Presse. Er schreibt über sein Land, darüber wie man es modernisieren müsste, und auch darüber, wie Männer wie er selbst sich an dem Zerfall der Sowjetunion bereichert haben. Dafür kommt Chodorkowski öfters in Isolationshaft, aber er erreicht was er will. Auch wenn er so weit weg ist, hält er sich in Erinnerung.

Jetzt wird „der Fall Chodorkowski“ nochmals aufgerollt, auch wenn nicht vor Gericht, jedoch in den Kinos. Fünf Jahre lang recherchierte und drehte der Filmmacher Cyril Tuschi in Russland. Er interviewte Zeitzeugen, Freunde, Kritiker und Familienmitglieder Chodorkowskis. Diese Interviews wurden zu spanenden 111 Minuten Film verdichtet. Als Krönung spricht Chodorkowski selbst am Ende des Films in die Kamera. Es ist ein packender Politthriller und wohl einer der umstrittensten Filme 2011.

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