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Konkurrenz für Facebook? Kreml will eigenes Soziales Netzwerk starten

Auch im weiten Russland hat die Kontrolle grenzen. Das hat der Regierungsaparat spätestens mit dem Aufkommen Sozialer Netzwerke und Dienste feststellen müssen, die dann auch noch halfen, großangelegte Proteste auf Moskaus Straßen zu organisieren. Aus der Not macht der Kreml jetzt eine Tugend und will sein eigenes Soziales Netzwerk starten. Die Konkurrenz hat man dabei wohl nicht bedacht.

Putins Vorstoß könnte sich als echter virtueller „Ladenhüter„ erweisen. (Foto: christoph_aigner/flickr)

Putins Vorstoß könnte sich als echter virtueller „Ladenhüter„ erweisen. (Foto: christoph_aigner/flickr)

Der Kreml plant derzeit, so meldet der britische “Guardian”, eine Seite ganz im Stil von Mark Zuckerberg. Getreu dem amerikanischen Vorbild sollen die russischen User auch hier Inhalte hochladen und über ihren Alltag diskutieren können.

Neu ist das jenseits des Urals natürlich nicht. Da gibt es zum Beispiel “Vkontakte”, die russische Nummer eins unter den Netzwerken, die dem US-amerikanischen Original verblüffend ähnlich sieht und bereits seit mehreren Jahren sehr erfolgreich aktiv ist. Und nicht erst seit gestern nutzen vor allem Aktivisten der Opposition derartige Seiten, um etwa im vergangenen Dezember die großangelegten Straßenproteste gegen Präsident Wladimier Putin zu organisieren. Eine Kontrolle nach chinesischem Vorbild, die käme bei Russlands Jugend allerdings gar nicht gut an. Also versucht der Kreml seine Gegner nun mit den eigenen “Waffen” zu schlagen. Nachdem das Versammlungsrecht bereits verschärft wurde, geht es jetzt also auch virtuell zur Sache.

Minister Mikhail Abyzov gibt Vorhaben ohne Details bekannt

Wie Mikhail Abyzov, Minister für Open Government, gegenüber der russischen Zeitung  “Izvestia” verlauten ließ, solle ein entsprechendes Netzwerk noch in diesem Monat an den Start gehen. Basis des Ganzen sei die Seite russiawithoutidiots.rf, die einst unter Medwedjew, der sich das Thema  E-Government auf die Agenda geschrieben hatte, als Beschwerde-Portal über Staatsbedienstete online gegangen war. Übrigens, erst im vergangenen Monat hatte Medwedjew alle seine Minister gezwungen iPads zu nutzen, und auf Papier während der Kabinettssitzungen zu verzichten.

Ob Putin seine Gegner allerdings hier um sich scharen oder doch eher seine von Haus aus “ungefährlichen” Anhänger lockt – scheint eine nahezu rhetorische Frage. Abgesehen davon, dass gegen die internationale Konkurrenz wie Facebook oder Twitter (die russischen Fußballer dürfen während der EM sogar twittern – mehr hier) sowie ihre populären russischen Äquivalenten, Vkontakte und Odnoklassniki. ohnehin kaum anzukommen ist. Andrei Soldatov, Experte für russische Sicherheitsdienste und Internet, jedenfalls glaubt schon jetzt an ein Scheitern des Projekts:  “Wenn die Regierung eine Form eines Sozialen Netzwerks schafft, dann werden die Menschen ihm nicht beitreten. Es ist nicht realistisch.” Andere sind hingegen überzeugt, dass das Netzwerk auch als Instrument taugen könnte, um von dort gezielt gemeinsame Aktionen on- wie offline zu planen und zu organisieren.

Putin-Kritiker Aleksei Navalny wurde über Blog bekannt

Unterschätzt werden darf die Macht des Internets in Russland ohnehin nicht: Russlands Oppositionsbewegung ist online wohl am lautesten zu hören. Aleksei Navalny, einer der populärsten Kritiker des Präsidenten, Wladimir Putin, wurde beispielsweise über seinen Blog bekannt (selbst die Patentochter Putins meldet sich lautstark über Twitter zu Wort – mehr hier). Selbst Patriarch Kyrill hat seit vergangenen Mai eine eigene Facebook-Präsenz, nachdem er zuvor vor allem im Internet in die Kritik geraten war (hier trafen sich im wahrsten Sinne des Wortes Tradition und Moderne – mehr hier). Und trotz Putins Protest, dass er zu beschäftigt sei, um das Internet mit einer gewissen Regelmäßigkeit zu verwenden, hat Russland kürzlich sogar Deutschland als das europäische Land mit den meisten Internet-Nutzern überholt.

Den Präsidenten kann das offenbar nicht schrecken. Seine Haltung ist klar: “Wenn den Verantwortlichen nicht gefällt, was im Internet passiert, gibt es nur einen Weg des Widerstands dagegen: Auf der gleichen Plattform unterschiedliche Antworten [auf die Kritik] in Umlauf bringen und eine größere Anzahl von Unterstützern erreichen.”

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