INVESTITIONEN

Russlands Millionäre: Glauben sie wieder an ihr Land?

Die Mehrheit der Investoren schwimmt in der Regel mit dem Strom. Auch in Russland ist das so. Meist blicken die ausländischen Geldgeber zuerst auf die Aktivitäten der hiesigen “Kollegen”. Investieren nicht einmal die in ihrer Heimat, dann stellt sich auch für alle übrigen diese Frage nicht. 2012 verhält sich das allerdings etwas anders.

Russische Oligarchen investieren gerne in mehr oder weniger sinnvolle „Spielzeuge für Erwachsene„ nach Ansicht mancher Fachleute dürften sie auch gerne etwas mehr Geld in der Heimat lassen. (Foto: stefan.erschwendner/flickr)

Russische Oligarchen investieren gerne in mehr oder weniger sinnvolle „Spielzeuge für Erwachsene„ nach Ansicht mancher Fachleute dürften sie auch gerne etwas mehr Geld in der Heimat lassen. (Foto: stefan.erschwendner/flickr)

In diesem Jahr haben wohlhabende Russen, laut “Forbes”, bereits 46.5 Milliarden US-Dollar außerhalb der Heimat investiert. Die Summen flossen zum Beispiel in Städte wie London, New York, Miami und in das erklärte Lieblingsland unter den Oligarchen, Zypern. Doch der Abfluss von Kapital schrumpfe derzeit von Monat zu Monat. Wie der Vorsitzender der Russischen Zentralbank, Sergej Ignatjew, angibt, hätten die Abflüsse im vergangenen Mai 5.8 Milliarden Dollar betragen. Im April seien es noch 7.3 Milliarden Dollar gewesen, etwa die gleiche Summe wanderte auch im März ab. Im Februar waren es sogar noch 11.3 Milliarden und im Januar mit 15.2 Milliarden Dollar sogar noch fast das Dreifache.

Verschlechterung der Liquidität: Russische Banken müssen Vorbereitungen treffen

Wegen der Bankenkrise in Europa, so warnte auch Ignatjew, könnte sich die Liquiditätslage im Bankensektor verschlechtern. “In Europa sind derzeit unangenehme Szenarien möglich, wenn auch unwahrscheinlich. Die Banken müssen sich darauf vorbereiten, weil sich die Liquiditätssituation verschlechtern könnte”, zitiert die Nachrichtenagentur Ria Novosti Ignatjew am vergangenen Mittwoch. Doch ob die sinkende Abwanderung von Kapital nun ein Nebenprodukt einer sich verbessernden Stimmung unter den russischen Anlegern ist oder dieses Geld schlicht schon weg sei, das bleibe, so folgert die “Forbes”, schlicht abzuwarten.

Negyl Omar, Co-Fondsmanager bei der HSBC GIF BRIC-Fonds, ein 1,4 Milliarden Dollar Emerging Markets-Fonds mit Sitz in Luxemburg, jedenfalls erklärte im Telefoninterview mit dem Magazin, dass seiner Ansicht nach das Risiko für Russland zu hoch bewertet werde: “Die politischen Bedenken gegenüber (Wladimir) Putin sind überzogen. Es wird Reformen geben”, so seine Einschätzung des neu gewählten Präsidenten, der derzeit seine dritte Amtszeit im Kreml in Angriff nimmt.

Proteste gegen Putin versus aufstrebender Aktienmarkt

Das Bild bleibt jedoch ambivalent: Vor, aber auch nach den Wahlen gab es heftige Unruhen. Zehntausende gingen auf Moskaus Straßen, um gegen Putin zu protestieren. Auf der anderen Seite gibt es jedoch positive Entwicklungen auf dem Aktienmarkt zu verzeichnen. “Seit Jahresbeginn zog der MSCI Russia bereits um 25 Prozent an. Damit war Russlands Aktienmarkt in diesem Jahr weltweit bisher einer der besten Performer”, so Gerhard Heinrich, Chefredakteur von “Emerging Markets Report“, der bei seiner Einschätzung nicht nur die Öl-Titel auf dem sprichwörtlichen “Schirm” hatte. Anders übrigens als viele Anleger. “Leider hat sich (…) unter den westlichen Investoren die Überzeugung eingebürgert, dass es an der Börse Russland keinerlei interessante Themen außerhalb des Öl- und Gassektors gebe. Etwas abschätzig wird das russische Riesenreich gern als eine reine Petro-Kleptokratie betrachtet, die dem Anleger jenseits seiner börsennotierten Rohstoffkonzerne nicht viel zu bieten habe, und wirtschaftlich ansonsten in den letzten 20 Jahren noch kein Stück vorangekommen sei.”

Wer als Anleger diese Einstellungen übernehme, bringe sich seiner Meinung nach aber um viele interessante Chancen. Denn jenseits der mächtigen russischen Rohstoffwirtschaft stehe auch eine Bevölkerung von über 140 Millionen Menschen und eine stetig wachsende Binnenwirtschaft mit einem aufstrebenden und ehrgeizigen Mittelstand. Zwar sei Russland noch weit davon entfernt, sein volles wirtschaftliches Potenzial entfalten zu können. Doch gerade hier, davon ist auch er überzeugt, würden sich jede Menge Investitionsmöglichkeiten – auch für russische Oligarchen – bieten.

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